Eröffnungsrede „Monika Schneider“ / 2010

Eröffnungsrede von Ingeborg Brauburger zur Ausstellung 61/70 in der Kulturschmiede Wettig, Nieder-Olm 2010
“Zeichnung ist die Sprache für die Augen.“ So hat es der frz. Essayist von Joseph Joubert (1754-1824) einmal ausgedrückt. Für Monika Schneider scheint dies besonders zuzutreffen, denn die Zeichnung ist ihr bevorzugtes Medium und was sie sieht und empfindet kann sie mit Zeichnungen am ehesten zum Ausdruck bringen.

Sie zeichnet ohne große Vorbereitung ihre direkte Umgebung, ihre subjektiven Wahrnehmungen und Eindrücke. Das reicht von Zeichnungen über die Heimat, zu ihren Freunden bis hin zu den großformatigen Kleiderzeichnungen hier im unteren Raum und den Kosmetikkoffer der Großmutter, deren zeichnerischen Inhalt wir im Obergeschoss wiederfinden können: es werden u.a. Cremetube, Haarklemmen, Taschentücher und sogar schonungslos ein Teil des Gebisses präsentiert. Die vielen Motivwechsel immer nachziehen zu wollen ist eine Herausforderung für den Betrachter.
„Ich inventarisiere und untersuche zeichnerisch in meinem Werk Überbleibsel aus dem Alltag, dingliche Erinnerungen der Vergangenheit oder Orte, die an meine Biographie gebunden sind… so begreife ich, wer ich bin und woher ich komme“. So die Künstlerin. Auch bei der Auswahl der Malutensilien legt Monika Schneider sich nicht fest: Größe und Farbe der Papiere spielen oft keine Rolle, ebenso wie die Auswahl von Farb- und Filzstiften, Ölfarben, Gold- und Bleistiften, Kreiden und Kugelschreibern, manchmal können es auch ein Nagellack oder Lippenstift sein. Passend zu ihrer Lebenssituation, in der sie mal in schnellen Strichen etwas  hinkritzelt, mal aufwendig ausmalt.

Doch bei all dem übt sie sich ständig im Prozess des Reduzierens und Weglassens. Dabei helfen ihr ihre Tagebuchzeichnungen. In Ihnen beschreibt sie mit Hilfe einer Zeichnung das Tagesgeschehen. Und stellt sich dabei die Frage: Was lohnt es heute von all dem zeichnerisch festzuhalten? Was ist wesentlich? In einer globalen und multimedialen Welt, in der man von Informationen und Bildern quasi zugeschüttet wird, fast schon eine Überlebensfrage!

Hier in der Ausstellung reduziert sie ihre Kindheitserinnerung auf wenige Attribute: Die Kleider ihrer Mutter –  diese dinglichen Erinnerungen wie sie es beschrieben hat stehen für so vieles, was eng an ihre Biographie, ihre Kindheit gebunden ist: „Ich zeichne hier die ausrangierten Kleidungsstücke meiner Mutter, die für sie einen besonderen Wert hatten, sie hatte die Kleider all die Jahre aufbewahrt. Durch die schriftlich hinzugefügten Kommentare meiner Mutter mache ich die Geschichte der jeweiligen Kleidungsstücke sichtbar.“
Schauen wir uns die Arbeiten doch einmal genauer an: Hier hängen fünf hochformatige Kleiderarbeiten, größengenau, jeweils 1,00 x 2,70 m, teilweise etwas schräg auf stärkerem Papier gezeichnet. Sie wirken erhaben und prächtig, wurden sie doch durch den Zeichenprozess der Künstlerin und die Hängung aus ihrer Nutzlosigkeit in die Bedeutung gehoben. Fast alle Kleider wurden von der Mutter selbst genäht- von offiziell bis unbeschwert sind alle Kleidernuancen dabei: ein lilafarbenes Kostüm mit Nerzbesatz von der Hochzeit. Monika Schneider malt es akribisch genau mit Schweizer Kugelschreibern und den Nerzbesatz am Hals mit teurem Farbstift in Eierschalenfarbe. Dort ein weißes, aufwendiges Dirndlkleid – umgesetzt nur mit Bleistiften verschiedener Stärke, die vor allem das Stickwerk beschreiben. Das Kleid wirkt transparent und fein. Oder das gestreifte Blumenkleid. Hier kommen Filzstifte zum Einsatz, die den aufwendigen Blumendekor besonders hervorheben. Es ist jedoch das einzige Kleid, das unvollendet ist, das erzeugt im Bild aber auch in der Gesamtinstallation der Zeichnung Spannung.
Ein gestreiftes Frotteekleid für den Strand – hier wird durch den Auftrag der Ölfarben und einzelner Bleistiftschraffierungen geradezu der Frotteeflausch spürbar. Besonders bei diesem Kleid wir dem Betrachter eine Erinnerung durch die optisch erlangte Haptik besonders gewahr. (Wer je so ein Kleid besaß, weiß, was ich meine). So schafft es Monika Schneider über Motive und Farbigkeit aber auch über Technik und Duktus Emotionalität zu berühren. Eine sensible Kunst!

Kleider sind bekanntlich Spiegel der Seele und sie erzählen Geschichten. Und während Monika Schneider minutiös mit Stiften und Kugelschreibern diese Kleider nachzeichnete, wurde diese Art der Auseinandersetzung zu einer Fleißarbeit meditativen Charakters. Vergangenes, Erinnerungen, Gegenwärtiges und Zukünftiges fließen gedanklich in diese Arbeiten mit ein. Um das lila Kleid zu zeichnen, hat sie fast 40 Stunden mit den Kugelschreiber Farbfläche an Farbfläche akribisch aneinandergelegt. Ein Zeichenprozess, der länger dauerte als das Nähen des Kleides. Die Kommentare ihrer Mutter unter den großformatigen Zeichnungen geben Einblicke in die Beziehung und das Miteinander von Mutter und Tochter.
Aber unwillkürlich adressieren sie auch den Betrachter: Erinnern Sie sich noch an die Kleider ihrer Mutter? Gibt es sie überhaupt noch? Welche Erinnerungen lösen sie aus? Heutzutage kann ein Kleiderschrank saisonal schon einmal komplett ausgetauscht werden. Dann verblassen derartige Erinnerungen schnell und verschwinden im globalen Kaufrausch.

Monika Schneiders Kleider-Installationen sind ein sensibler, zeichnerischer Rückblick und Einblick in ihre Kindheit. Die Kleider werden dabei zum Inbegriff von Nähe und femininer Sinnlichkeit, fast eine persönliche Allegorie an das Mütterliche, Kommunikative und Sinnliche. Doch gleichzeitig spinnt die Künstlerin einen Faden zum Betrachter, stellt sowohl emotionale wie gesellschaftliche Anfragen, die uns in einer konsumfreundlichen Zeit über die Wertigkeit von Stoffen, Nähprozesse und den selbstverständlichen Umgang mit Kleidungsstücken nachdenken lassen. Hier taucht also indirekt wieder ihre Frage nach der Reduzierbarkeit auf: Was ist eigentlich nötig? Was ist wirklich erhaltenswert? Eine nachhaltige Botschaft (………..).

© Ingeborg Brauburger