Kulturzeitschrift VivArt 3 – 2012: Zwischen Kindern, Kunst und Kühen

Es geht nicht nur darum, was und wie man malt sondern auch wo. Die Künstlerin Elke Heydecke zog es aufs Land und in die Natur. Dort entstehen interessante Bilder zwischen Stall und Staffelei. von Ingeborg Brauburger

Es ist Frühling, die Natur atmet auf. So fühlt es sich an auf dem Weg zu meiner Gastgeberin, auf der Fahrt am Bachlauf eines lichtdurchfluteten Tales in Rheinhessen entlang. Wir treffen uns im Wiesbachhof – ein Anwesen von 1930 mit einem riesigem Grundstück: Obstwiesen, Stallungen und Koppel inklusive. Was macht eine Künstlerin hier in der rheinhessischen Schweiz, in Nieder-Wiesen, in der Abgeschiedenheit eines kleinen Ortes mit knapp 600 Einwohnern? Natürlich, sie malt – aber sie widmet sich auch vielen anderen Beschäftigungen. Sie renoviert, baut, pflanzt, werkelt, hütet und füttert die Tiere. Schweine und Hühner, im Sommer kommen zwei Kühe hinzu. Neben all dem Tagwerk, das ein solches Anwesen mit sich bringt, findet die Künstlerin Elke Heydecke dennoch Zeit für ihre Leidenschaft, die Kunst – eine unaufgeregte, ruhige Malerei, mit erdigen Farben, reduzierten Formen und grafischem Strich. Wir trinken einen Kaffee, natürlich Bio, selbst gemahlen und noch richtig aufgebrüht. Back to the Roots. Irgendwie schon, aber das trifft es nicht ganz. Elke Heydecke ist keine Aussteigerin, die mit ihrer Familie alles hinter sich gelassen hat. Sie sucht vielmehr die Stille, die Natur, das Schlichte, das Wesentliche, Ursprüngliche (…..)

Elke Heydecke freut sich über Besuch, Menschen sind ihr wichtig, ohne viele Worte darüber zu verlieren. So malt sie auch Bilder, die den Menschen meinen, ohne ihn direkt abzubilden, manchmal scheint er nur skizzenhaft auf. Was das menschliche Wesen ausmacht, das Reden, der Austausch, sein Denken, Ringen und Kämpfen um Wahrhaftigkeit, die Polarität des Lebens – das ist für sie das Entscheidende. Dabei möchte sie authentisch bleiben, nichts abkupfern, bloß keinem Mainstream in der Kunstwelt hinterherrennen. Immer noch liest sie viel, von Blücher bis zur Bibel, sucht die geistige Auseinandersetzung in der Philosophie, den Wissenschaften und der Religion. Doch vieles lässt sich für sie heute schlichter in der Beziehung zur Natur, im einfachen und entschleunigten Leben erfassen. Vielleicht trifft es Rainer Maria Rilke genauer, der 1903 in Worpswede schrieb: „Es zeigt sich immer wieder, dass sich die künstlerischen Ereignisse, weit unter der Oberfläche des momentanem Lebens in einer gleichsam zeitlosen Tiefe vollziehen.“  So wundert es nicht, dass sich ihre Bilder zuerst über die Farbgebung erschließen. Arbeiten in braun-weißen Tönen, sehr erdig, sehr ursprünglich, mit schwarzen, hellen oder roten Formakzenten. (……)