Ausstellungsrede in der Schmiede Wettig Nieder-Olm am 12.11.2011: Dorthe Goeden „dann und wann“, ´Zeichnen mit Skalpell und Messer´  

Ein erster Blick in die Ausstellung: Großformatige Arbeiten auf Papier. Linien und Formen im Miteinander und Ineinander. Linie im freien Spiel und solche, in strengeren Formen. Alles schwarz und weiß gehalten. Sind es Zeichnungen? Holzschnitte? Die Wahrnehmung geht hin und her! ….Dann hängt dort ein schwarzer Vorhang aus Papier meterhoch von der Wand. Als Installation einerseits fragil, andererseits raumeinnehmend und dominant. Im Ganzen wirken die Arbeiten in dieser Ausstellung durch die dezente Farbgebung und ihre eher grafische Bildstruktur ruhig, fast leicht (…..)  Doch der Titel ist irritierend. Er überschreibt die Ausstellung mit einem „dann und wann“ und scheint die Leichtigkeit der Arbeiten in die Ecke von Unverbindlichkeit und Beiläufigkeit stellen zu wollen. Doch Goedens Vorgehen ist weit entfernt von jeglicher Beliebigkeit. Denn ein genauerer Blick auf die Bilder zeigt, dass die Künstlerin im Scherenschnitt arbeitet. Einer aufwendigen Technik, mit der sie Linien, Formen und Strukturen sehr grafisch aus dem schwarzen Papier schneidet.

Was ist also gemeint? Es gibt keine direkte Antwort, aber man ahnt bereits an dieser Stelle etwas von dem Spiel der Polarität, das – formal wie inhaltlich – immer wieder in Goedens Arbeiten auftaucht. (…..)  Sehr der Tradition verhaftet schneidet die Künstlerin ihre Arbeiten aus schweren, schwarzen Papierbögen aus. Doch nicht Scheren sondern Cutter und Skalpell sind ihre Werkzeuge, so dass man besser von Papierschnitt oder cut-outs spricht. Das künstlerisch Ganze entwickelt sich in einem langen handwerklichen Prozess – die Leichtigkeit einer schwarzen Linie, aber auch die Schwere einer weißen gezackten Form oder Kontur. (….) So wie Lucio Fontana 1958 mit seinem Schnitt in die Leinwand ein Bild zur Plastik, zu einem Raumkonzept machte („Tagli“), so erfährt Goeden hier, dass sie das Papier vom Trägermedium zum Linienmedium erheben kann. Das Experiment mit der neuen Technik („Fragment“), ermöglicht es ihr mit Linien räumlich zu arbeiten. Fortan bewegt sie sich mit dem Papierschnitt im Grenzbereich von Zeichnung und Plastik.